Der Roman "Ich, Du, Er" thematisiert das Leben eines Menschen der an einer Multiplen Persönlichkeit erkrankt ist. Alle Figuren im Buch werden zu einer einzigen, zu ihm selbst.  Abwechselnd in schizophrener Art wechseln sich die Realitäten ab in surrealer Verrücktheit und alltäglicher Normalität.

"Lifestyle Lepra" ist das 15. Kapitel des Buches.

  

The novel "I, you, he" discussed the life of a person suffering from a multiple personality ill. All figures in the book into a single, himself Abwechselnd kind of schizophrenic in alternate realities into the surreal and madness of everyday normalcy.

"Lifestyle leprosy" is the 15th Chapter of the book.

 

 

Weitere Informationen zu Sven Bremer und seinem neuen Roman "Ich, Du, Er" finden sie auch unter:

More information about Sven Bremer and his new novel "I, you, he" will find it at:

 www.ichduer.wg.am

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 Lifestyle Lepra

 

 

Sie ist arm und allein.Vom Beruf her ist Elettra eine Putzfrau, aber nun hat sie schon seit längerem keine

Arbeit mehr. Niemand stellt sie ein und das wenige Geld, dass ihr bleibt, reicht kaum für ein warmes Essen,

oder der Miete.

Allerdings steht bei ihr momentan die Sonnenbrille im XXL ? Format, als absolutes Trend ? Accessoire hoch

im Kurs.

«Sie muss gänzlich schick im Retro ? Stil der experimentierfreudigen sechziger Jahre kreiiert sein.»

Wer kennt sie denn nicht, die berühmten Experimente der sechziger Jahre? Wie zum Beispiel LSD oder den

Vietnam ? Krieg?

Elettra muss sich oft beim Sozialamt melden. Dort bittet sie jedes Mal um ein wenig Geld, um ihre Nahrung

und die Lebensnotwendige Medizin bezahlen zu können.

Dabei ist es ihr egal, ob sie ihre Sonnenbrille, in dieser Saison, zum Buisnesstauglichen City ? Out-fit

kombiniert, oder lässig zur Beachwear zusammenstellt. Für Elettra ist es wichtiger, dass ihre Retro ? Brille

nur in den Kombinationen Trip - Hopschwarz ? Tokioweiss, Frühlingsgelb ? Melancholie-Magenta oder

Himbeer ? und Maracujarot gehalten ist. Sie muss schliesslich zu Elettras Lifestyle Aura passen und sie damit

erst richtig zum Wirken bringen.

Man bot Elettra schon einen Aushilfsjob als Tellerwäscherin in einem Imbiss an. Aber leider hat sie in der

Arbeitswelt wenig praktische Erfahrungen und damit lässt sie sich schwer vermitteln. Aus diesem Grund

bekommt Elettra mit der Zeit auch immer weniger finanzielle Hilfe.

Dafür überschattet ihre neue grossflächige Sonnenbrille in einem modernen, warmen Farbverlauf die

Augenpartien von Elettra. Mit dem Hologrammeffekt von aussen ist sie absolut up to date in den Szenen.

Hier trägt die Mode den Käufer.

Eine halbwegs richtige Ausbildung hat Elettra leider noch nicht bekommen können. Man sagt ihr immer

wieder, dass sie schon zu alt wäre, oder das man sich Ausbildungsplätze nicht leisten könne.

Elettra wird bei Bewerbungen stets abgewiesen. Selbst bei den unbeliebtesten Nebenjobs schafft sie es

nicht einmal zu den Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden.

Allerdings hat sie mit ihrer Oversize ? Brille, vielseitige Eyecatcher, die neben dem üblichen UV ? Schutz

auch ein Aufsehen erregenden, sehr bedeutenden Glamour ? Effekt garantieren. Für die Vorteile einer

solchen Trend Brille, würde der Papst Kirchenfenster eintreten.

Vor kurzem bekam Elettra vom Staat eine Sozialwohnung zugewiesen. Diese befand sich im ärmsten und

gefährlichsten Viertel der Kleinstadt. Es war eine sehr enge und kleine Wohnung zwischen der Giftmüllhalde

und dem Gefängnis.

Elettra richtete sich diese Wohnung auf einem hohen internationalen Niveau ein. Traditionelle Schränke aus

dunklen und edlen Holz, klassische Regency ? Stühle und wertvolle Einzelstücke bilden die Einrichtung. Eben

alles, was sich für eine Wohnung im Stil der Upper East ? Side so gehört. Aber wie kann Elettra das alles

bezahlen? Ganz einfach. Sie handelt legal mit eigenen Körperstücken und Organen. «Da weiss man, was

man hatte.»

Erst vor kurzem musste sie aus der Not heraus ein Luxusappartement hinzukaufen. Elettra brauchte es

dringend für ihre umfangreiche Sammlung von wunderschönen Vintage ? Kleidern, die von Courreges bis

Cardin reicht.

Selbstverständlich richtete sie diese Wohnung gleich geschmackvoll und exklusiv ein. Elettra musste dafür

nur ein Ohr und eine Nase verkaufen.

«Das war schön!», meinte sie stolz, «Die Kleider waren ein richtiges Schnäppchen. So etwas findet man nur

selten in der Modeabteilung von Sotheby´s.»

Elettra entdeckte die Sixties auf ihre persöhnliche Art wieder. In ihrem grossen Livingroom wanderten

türkisfarbene Schalensessel vom berühmten Pierre Paulin, Plexiglas ? Würfel und sogar ein Calderteppich.

Über dem Wasserbett im Schlafzimmer hängen zwei Raritäten von Yves Klein. Die Bilder stammen aus seiner

berühmten Feuerserie von 1961. Doch für diese besonderen Originale musste Elettra schon mehr von sich

verkaufen. «Das hat mich damals Lunge, Galle und den Darm gekostet.

Natürlich ist das sehr teuer, aber das war es mir eben wert. Sein Bild «F 31» passt sehr gut zu meinem

Kamin.

Ich hatte davor an diesem Platz Skizzen von Arman und Jacques de la Villegle zu hängen und die haben mich

schon gelangweilt.» Elettra hat eine Schwäche für ausgefallene Dinge und ausgefallene Körperfunktionen.

Sie ist eine emanzipierte und vor allem selbstbewusste Frau. Nicht besonders viele Menschen könnten soviel

Mut und Tapferkeit aufbringen und dabei so wenig Angst vor einem Mustermix bei Möbeln zu beweisen, wie sie.

Aber nicht nur in solchen Extrem ? Situationen, in denen es um alles oder nichts geht, beweist Elettra die

Furchtlosigkeit im Geschmack.

In der modernen, glänzend gelben Küche etwa, arrangierte sie Art-Deco´ Stühle aus den Vierzigern mit einem

Bauhaustisch. Die Wandbespannung im Entree mit der Gio Ponti Kugellampe ist wie selbstverständlich in ein

buntes, geometrisches Gemälde verwandelt worden. Eine besondere Beziehung hat Elettra zu ihrem

Ankleidezimmer. Es ist in einem leuchtenden japanischen hellgrün gehalten. Ausserdem ist es vollgestopft

mit Vintage ? Kleidern, Handtaschen, Schuhen und Hut-schachteln, in denen sie ihren hübschen

Modeschmuck aufbewahrt.

«Allein für diesen Schmuck habe ich insgesamt nicht weniger als ein Bein, vier Finger und eine Leber

verkaufen müssen. Für mich ist das nicht nur witzig und macht Spass, sondern auch recht unpraktisch. Bei

so viel japanischen hellgrün im Ankleidezimmer nähmlich, kann ich überhaupt nicht beurteilen, wie ich dann

draussen auf der Strasse aussehe.

Sie wissen ja, wenn man auf der Strasse um Almosen bettelt und somit in der Öffentlichkeit steht, möchte

man ja auch trendy aussehen.»

Aus diesem Grund hat sich Elettra eine grosse Sammlung an seltenen und erlesenen Kleidungsstücken mit

passenden Accessoires zugelegt. Ein üppiges Collier aus kleinen Silberquadraten direkt aus London kostete

einen Halswirbel und etwas Gewebe. Auch ein glamouröser Metallgürtel in Kombination mit einer Etuitasche

aus Stoff, Lack und schönen Metallapplikationen kostete immerhin noch zwei Schulterblätter und alle Mandeln.

Doch Elettras Lieblingsstück ist ein traumhaft zartes Vantkleid mit eingearbeiteter Korsage und Spitzenvolants.

«Das war sogar heruntergesetzt von einem Mund, einer Zunge und ein paar Zähnen auf nur ein Auge und

wenig Lippe. Heutzutage ist es natürlich einen kompletten Torso wert. Mindestens.»

Elettra hat viele Schulden. Das Sozialamt will bald sogar ihren Müll pfänden. Zum sparen bot es Elettra an,

einen Kurs,« Die richtige Magersucht», zu belegen. Bis zum Sommer muss sie nachgewiesen haben, dass

sie sich mehrmals beworben hat.

«Im Sommer trage ich viel Farbe. Manchmal benutze ich auch Schnitte die zwar klassisch bleiben, aber dafür

experimentiere ich dann mit den Farben und den Mustern herum.»

Vor kurzem noch ersteigerte sie deshalb ein sehr schönes Jerseykleid im Vorbild des Eames ? Design und

bezahlte dafür ein zweites Bein, den Kopf, die Haare und das Gewissen.

«Ich denke gar nicht daran, was passieren könnte, wenn ich alles von mir verkauft habe und ich keine

Körperteile mehr besitze. Deshalb habe ich mein Gehirn schon vor langer Zeit, gleich zu Beginn verkauft.

Übrigens für eine bezaubernde Handytasche aus Robbenhaut. Die ist heutzutage sogar das dreifache wert.

Aber wer solch ein Stück heute haben will und noch vor hat dabei nur mit einem Gehirn zu bezahlen, der

muss schon mit einem schizophrenen Gehirn handeln.»

Elettra schaffte es auch nach langer Zeit, endlich ihre Seele zu verkaufen. Die ständige Gefahr, dass sie

sich auflösen könnte, wenn sie alles von sich selbst verkauft, bestreitet sie energisch. Elettra plant

wenigstens ihren exklusiven Geschmack für Gegenstände und ihre liebgewonnende Kaufsucht zu behalten.

Obwohl sie mehr und mehr ihren Körper an die Kleider, die ihn schmücken sollten, verkauft.

Unterdessen war Onkel Tollo auf dem Weg zu einem Hardrock ? Festival. Dabei verunglückte er mit seinem

Mofa. Eine Frau überholte ihn ohne zu blinken. Die Frau war Fussgängerin. Der Ehre wegen musste sich

Onkel Tollo ein brutales Rennduell mit ihr liefern. Die Fussgängerin war leider viel schneller und Onkel

Tollo verunglückte.

Der Hinterdropsprinz Onkel Tollo trug beim fahren mit dem Mofa, immer seine offizielle Zunftuniform, die

durchaus auch als Bekleidung für schnelle und gefährliche Motorradrennen gedacht war. Rasta Rene´ hatte

sie in mühevoller Kleinarbeit entwickelt. Im aufreizenden hochglanzcolor bestand die Uniform aus einem

Ganzkörperanzug, bestehend aus Latex und Lackmaterialien. Duch japanische Aquabondagen sass der Anzug

noch enger am Körper als ohnehin schon. Natürlich kam sich Tollo darin immer etwas seltsam vor, aber es

gehörte zu seinem Pflichten diesen Fummel zu tragen.

Der Torso bestand aus einer amerikanischen Südstaatenflagge, deren Sterne als Gummistacheln

herausgearbeitet waren. Nach einer Mofafahrt hatte Onkel Tollo da oft Baumblätter oder Zeitungspapier

dran hängen.

Der Motorradhelm war eigentlich eine Baloonmütze mit Atemreduktion. Er sah aus wie eine Maske mit

unzähligen Noppen daran, die in Wirklichkeit brennende Glühlämpchen waren. An seinem Nasenhaken

baumelte das Wappen deutschen Fussball ? Nationalmannschaft, aus Edelstahl. Dies gehörte alles zur

Mythologie der Zunft.

Über den hautengen Ganzkörperanzug zog Tollo stets seine geliebte Gummizwangsjacke an. Auf dieser

Zwangsjacke waren die Gesetze des Arbeitsamtes, von Rasta Rene´ liebevoll eingestickt worden. Die Jacke

war nur dem amtierenden Zunftgrossmeister vorbehalten und durfte nicht aus tierischen Materialien bestehen.

Zum Zeichen seiner Macht hatte er auf den Schultern jeweils ein Totenschädel aus Plüsch angebracht. Auf s

einem Rücken trug er soviel Fuchsschwänze aus Nylonhaaren, wie niemand sonst. Seine Motorradstiefel

waren schwarze, harte Ballet Boots. Darin waren seine Initialien «O T» eingraviert. An jedem Fuss ein

Buchstabe.

Ein Jammer das seine Bekleidung anfing zu brennen, als er zusammen mit dem Mofa abrupt umkippte.

Eine Weile fuhr er noch im ständigen Überschlag weiter, aber irgendwann stoppte er sich selbst an einem

LKW, der gerade ein wenig Uran geladen hatte.

Der LKW konnte nicht mehr bremsen und überfuhr Onkel Tollos Persöhnlichkeit so einfach wie eine Katze,

die bei grün auf der Schnellstrasse schläft. Ungewöhnlicherweise war im Tank des Mofas eine beträchtliche

menge Speed deponiert. Aus diesem Grund explodierte alles sehr schnell und rasant. Die Explosion selber

ging über mehrere Tage. Die ganze Gegend war dabei sehr unruhig und völlig aufgelöst. Wahrscheinlich

durch dem Speed.

Onkel Tollo kam nach der Explosion noch vor Ende des Jahres in ein Krankenhaus. Dort konnte man zum

Glück die amerikanische Südstaatenflagge retten. Man belebte sie mit dem elektrischen Stuhl. Allerdings

mussten einige ihrer Sterne durch künstliche Dollerzeichen ersetzt werden. Onkel Tollo liess man

ersteinmal in einem Einwegglas genesen. Für absolute Notfälle konnte er an einer Nabelschnur ziehen

und eine Schwester, die nicht seine war, würde ihn besuchen. Sie kann ihm schnell und effektiv mit dem

Wellness Ball aus Aloe Vera helfen. Für die erste Hilfe genügt es, wenn der Patient den Ball mit dem

Gesicht auffängt. Für die erste Finanzierung genügt es, wenn der Staat in Placebos investiert.

Beim Unfall ging Onkel Tollos Persöhnlichkeit kaputt und im Krankenhaus ging sie dann verloren.

Die Ärzte boten ihm stattdessen einige verschiedene Persöhnlichkeiten als Ersatz an.

Auf seinen persöhnlichen Wunsch hin, operierten ihm die Ärzte neben der neuen Identität auch noch eine

komplette Musikanlage mit DVD und CD ? Rom Laufwerken ein. Er bekam sogar einen günstigen

Internetzugang. Allerdings überlasteten ihn all diese neuen Möglichkeiten so sehr, dass gewisse

Nebenwirkungen auftraten. Zum Beispiel fanden dadurch zuviele dumme Ratschläge den Ausgang aus

seinem Kopf. Onkel Tollo war das bald egal und er gewöhnte sich daran. Sein Kopf war eben so eine Sache.

Onkel Tollo konnte zwar Versprechen und Persöhnlichkeiten verlieren, aber nicht so schnell seine Titel und

Ehrungen. Aus diesem Grund war er immer noch Zunftgrossmeister und Hinterdropsprinz geblieben.

In dieser Funktion sollte er nun Schirmherr einer vom Aussterben bedrohten Mode Vernissage werden. Die

Prämiere der neuen Collektion nannte sich «Osterhase vs. Falscher Hase» und wurde in der Hühnerfarm

Paradies präsentiert.

Elettra war schon viel zu lange arbeitslos, um nicht plötzlich selbstständig zu werden. «Mir fällt doch nichts ein.

Schliesslich bin ich weder kreativ, noch irgendwie phantasievoll. Ich bin doch nur ein Designer.», erzählte sie

der Zeitschrift «Lethargie aktuell». Ihr Mundwerk sollte man auch als Klappmesser benutzen können.

«Wenn man als Designerin oder als Designer arbeitslos ist, dann heisst es gleich, dass man nun im

Underground arbeitet. Wenn man aber Arbeit hat, dann heisst es, dass man dabei ja eigentlich nicht viel tut.

Als Designer bin ich fanatisch mit meiner Relegion des Marktes verbunden und dafür biete, oder bete ich

meinen Gott die Marke an. Werbung wird immer arroganter. Direkt wird beschrieben, wie man als Marke sein

wird indem man herum posaunt das man es schon schon ist. Die Werbung ist nicht kreativ sondern betrunken

von sich selbst. Dabei behandelt sie den Kunden wie einen Idioten, ihr Mittel zum Zweck. Ein Umweltschützer

wird kreativer sein.»

Elettra traf nun ihren Ex ? Mann Onkel Tollo auf der Vernissage. «Bist du immer noch mit Achim dem Pony

zusammen?», fragte er sie voller Erwartung.

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